
Wer hat nicht schon mal stundenlang Bilder des Eindrücklichen Grand Canyons angeschaut und sich vorgestellt als Weisskopfadler um die mächtigen Kalksäulen herumzufliegen? In Wirklichkeit ist der Anblick noch viel atemberaubender, das kann man in Worten gar nicht ausdrücken. Insbesondere bei Sonnenauf- oder Untergang: dann schimmern die bis zu über 1800 Millionen Jahre alte Erdschichten in allen Rottönen und verleihen dem ohnehin schon unglaublichen Naturspektakel eine zusätzliche Prise Romantik. Klar, dass ich mir das einmal näher anschauen wollt…
Ich parkiere (jaja, das ist wohl Züridütsch) meinen Neon auf einem kleinen Parkplatz einige Meter von der Südkante des Canyons entfernt. Die Sonne ist schon untergegangen und da ich vor Sonnenaufgang den Abstieg beginnen will, mach ich es mir in meinem Neon bequem – naja, so gut es halt in einem Sport coupé geht. Viel Schlaff finde ich eh nicht, da ich viel zu ungeduldig auf den erlösenden Wecker warte, der das Zeichen zum Abstieg gibt.
Gegen sechs Uhr früh mach ich mich auf die Socken. Die ersten Hundert Höhenmeter durchlaufe ich in Halbfinsternis – Wolken verdecken den Mond und die Sonnenstrahlen schaffen es noch nicht ganz über die Canyonkante hinweg. Doch genau als ich auf einem Plateau hinaus zum Hauptcanyon laufe, geht die Sonne auf und der Canyon erstrahlt in seiner vollen Pracht – unglaublich. Ich setz mich auf eine kleinen Felsbrocken und frühstücke im Strahlenmeer, welches den Canyon durchflutet.
Der Abstieg geht viel schneller als ich anfangs angenommen habe. Kurz vor zehn Uhr morgens habe ich die 1800 Höhenmeter überwältigt und erreiche den braun gefärbten Colorado River. Die andauernde Trockenheit der letzten 8 Jahre (Klimaveränderung?) haben den Abfluss jedoch beträchtlich zugesetzt. Viel mehr Wasser als in unserer Aare (längste Fluss der ganz in der Schweiz liegt) fliesst hier nicht mehr ab. Ich fachsimple mit ein paar Rafter über die Rapids des Canyons, welche im vergleich zum Klamath River wirklich wie sanfte Wellen wirken.
Gegen Mittag nehme ich den mühsamen Aufstieg in Angriff. Das gefährliche am Grand Canyon ist wohl, dass man zuerst, gut ausgeruht, runter läuft und erst danach den anstrengenden Aufstieg bewältigen muss. Desto höher ich mich den Canyon hinauf schleppe, desto mehr Touristen begegne ich. Im obersten Viertel tummeln sich Touristen aus aller Welt – Japaner fotografieren jeden Stein, Chinesen essen Nudelsuppe am Wegrand, Holländer geniessen Bier in der Sonne, ein Moslem führt sogar seine weibliche Begleitung ein Stück weit den Canyon hinunter… und alle mühen sich am spätern Nachmittag den Canyon hinauf. Tja, an so einem Steilhang merkt man, dass wir Menschen, trotz kulturellen Unterschieden, im Grunde alle aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.