Archiv für August 2007

President Bill Clinton in Incline Village

August 22, 2007

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Er kam, sah und überzeugte – Der gute alte Bill hat mit Witz und Charme ganz Incline in Euphorie gestürzt und das mit ganz unamerikanischen Themen wie Klimaschutz, Diplomatie und erneuerbare Energien. Logisch, dass bei einem so talentierten Redner der steife Al und der ‚patscherte’ Arni sich lieber zieren und andern Aktivitäten nachgehen. Ja, soweit ich das beurteilen kann war der 10te Jahrestag des Lake Tahoe Forums ein Vollerfolg. [Bemerkung: eigentlich habe ich ja eine grosse Hochachtung vor unserm Arni - das ‚patscherte’ passte einfach gerade so richtig in den Satz]

Schon die ganze Woche hindurch liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren – das Treppenhaus wurde neu gestrichen, die Fenster wurden geputzt, der Rasen gemäht und zusätzlich bewässert – und das war nur die Spitze des Eisbergs. Bei uns im Büro liefen die Telefonleitungen heiss, da der Event auch eine enorme Finanzquelle ist: ganze $132 Millionen werden von Staat Kalifornien und Nevada in die weitere Erhaltung der Region gesteckt. Ein ordentlicher Zustupf zu den $950 Million die seit 1997 schon in die Region gesteckt wurden. Im Vergleich dazu sind die ca. 200′000 Franken, die für meine Diss über den Brienzersee locker gemacht wurden, ein Klacks.

Am Donnerstag kommt unsere Sekretärin zu mir ins Büro und überbringt mir ein brandneues UC Davis Polohemd – das sollte ich für den ‚big event’ anziehen. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz warum mein schon etwas verwaschenes Alinghi Leibchen da nicht adäquat sein sollte. Aber das weibliche Geschlecht war noch nie zufrieden mit meinen modischen Accessoires J.

Abends ladet Anne zur einer ‚Fisch fry’ Party ein. Sie hat 12 ‚blue gill’ (eine Fischart aus dem Tahoe) geangelt, Grund für eine Party. Bill ist natürlich das Hauptgesprächsthema an diesem Abend. Es tönt sich fast schon sehnsüchtig an, wie die Leute an die pre-Bush area zurückdenken. Neben dem Schlamassel, den die Bush Administration seit knapp 6 Jahren angerichtet hat, ist auch der Umweltschutz ein Hauptthema. Die globale Erwärmung trifft nämlich auch die Tourismus Region am Tahoe – im Winter gibt’s weniger Schnee in den Skigebieten und im Sommer führt erhöhte Algenproduktion im See zu weniger klarem Wasser. Obendrauf hat sich der Jahresniederschlag in der Region drastisch verringert, was früher oder später in Zentral- und Südkalifornien zu Wasserknappheit führen wird. Aber Kalifornier sind nun mal progressiv und innovativ – ‚der Benzinpreis soll auf $8 pro Gallone erhöht werden und damit sollte der öffentlicher Verkehr ausgebaut werden’ bekomme ich da zu hören. Und das in einer Region, wo auch der ärmste Student ein Ford F150 fährt (4,6 l, V8, 248 HP) unter dem ich mit mein Neon fast unten durch fahren könnte. Der Weg zu dem viel propagierten ‚green state California’ wird schwierig werden, das Potential ist bare schon mal vorhanden.

Am Freitag ist es dann soweit und alles steht im Zeichen des Forums – das Dorfzentrum ist für den privaten Verkehr gesperrt worden. Dem ‚Highway’ entlang haben Besucher aus überallher ihre Autos abgestellt. Ich komm mit meinem Fahrrad und meinem ‚UC Davis Badge’ problemlos durch alle Sicherheitsabsperrungen. Auf dem Parkgelände vor dem Sierra Nevada College ist eine grosse Bühne aufgestellt worden vor der ca. 1000 Klappstühle aufgereiht worden sind. Daneben hat ein Autohändler allerlei Hybrid-, Elektro- und Erdgasautos ausgestellt. Das Interesse ist gross, werden doch die kleinen ‚Zero Emission’ Autos wie exotische Wunderkisten bestaunt. Als Haupteinsatzgebiet wird jedoch der Golfplatz angepriesen. Bis man den echten Sinn hinter alternativen Antrieben hier verstehen wird, wird es wohl noch einige Jahre dauern.

Ich befreunde mich mit einer jüdischen Grossmutter, die in der für Clintongäste reservierten Zone, in der 2. Reihe sitzt. Sie reserviert mir einen Platz gleich neben Ihr und ich besorge Ihr dafür kaltes Wasser, Schreibutensilien für ein Autogram und Papierunterlagen, die ihr als Sonnenschutz dienen. So kann ich in Ruhe das ganze Areal besichtigen und habe dennoch einen idealen Sitzplatz garantiert. Wie sich herausstellt kommt die Dame ursprünglich aus Wien, ihre Enkelkinder wohnen aber in der Schweiz. Stolz erzählt sie mir, dass ihr jüngstes Enkelkind gerade einen Moslem geheiratet hat. Eine Vermischung der Religionen sei die beste Lösung des aktuellen Kulturenkonfliktes, behauptet sie fest.

Mit 10 min Verspätung kommt der hohe Gast, in Begleitung von Sen. Reid [D-NV, Majority Leader], Sen. Feinstein [D-CA], Governor Gibbons [R-NV], Lt. Governor Garamendi [D-CA, und Arni Vertreter - da wird’s ja schon fast heimelig] und weiteren Senatoren. Wie ein Rockstar wird er umschwärmt, Applaus, Jubelrufe und Zwischenrufe, er solle Amerika wieder auf die richtige Schiene bringen und mit Hillary ins weisse Haus zügeln.

Nach dem traditionellen ‚Pledge of Allegiance’ (eine Art Schwur an das Sternenbanner) wird die Zeremonie von A. Wallace, einen ehemaligen Häuptling der Washoe Indianern, mit einem Gebet eröffnet. Dann kommen nacheinander alle Senatoren und Gouverneure zur Sprache, die sich alle mit Weisheiten profilieren wollen: der Wald sei zu dicht und sei der Grund für die aktuellen katastrophalen Waldbrände, der Klimawandel mache die Region trockener deshalb muss der Wald gelichtet werden, Schnitzelholz für Brennöfen seien eine saubere alternative Energie, so und so viele Millionen seien für dieses und jenes Projekt aufgewendet worden. Aus meiner Sicht hält nur Sen. Feinstein [D-CA] eine erwähnenswerte Rede, in der sie die abnehmende Wasserqualität, den äusserst trockenen Boden welcher der Hauptgrund für die verheerenden Waldbrände ist und die zunehmende Wassertemperatur des Sees in direkten Zusammenhang mit der globalen Klimaerwärmung stellt.

Zum Schluss kommt der lang erwartete Moment: Bill, der bisher mit halboffenen Mund sich alle Reden, Danksagungen und Lobe aufmerksam angehört hat, hat gleich mit dem ersten Satz die Sympathie der Anwesenden erobert: er seie froh, dass sein Willkommensgeschenk (ein Plakat des Tahoes) beim Runterfallen (ein Windstoss hatte das Plakat kurz zuvor in die Menge geblasen) niemanden erschlagen hat. Die Menge lacht. Clinton schafft es, die Zuhörer mit ernsten Themen wie Klimaschutz, Energieproblematik und Interessenskonflikte zu beeindrucken indem er immer wieder auflockernd die aktuelle Regierung veräppelt. Seine ‚Message’ besteht aus 2 Punkten: 1) Die angesprochenen Themen sind ernst zu nehmen und 2) die USA sind seit jeher im ‚solution Business’ weltführend, nicht im ‚attack business’. Die USA sollen die Führung übernehmen um mit anderen Nationen Lösungen für die globalen Probleme auszuarbeiten, denn Indien, China oder Russland werden von sich aus kaum die Initiative ergreifen und Europa ist zu nachgiebig. Tja, wenn man das hört könnte der europäische Vorsprung (wenn man das überhaupt so nennen darf) in Umweltfragen bei einem Regierungswechsel in den USA schnell mal weg schmelzen.

Am Ende nimmt der gute Bill ein Bad in der Menge, schüttelt Hände, gibt Autogramme, beantwortet Fragen – bis Ihn seine Bodyguards zur Limousine gleiten, mit der er zur Nächsten Veranstaltung (Fundraising für Hillary) düst. Und diesen guten alten Bill wollten sie des Amtes entheben, weil er sich ein Spässchen mit einer Praktikantin erlaubte, während der W trotz beständigen Lügen und unbegründeten Krieg immer noch im Oval Office sein Unfug treibt. Na dann, Cheers!

Weekend at Lake Tahoe, CA – Incline Village, 101 Pinion Drive, 15 August 2007, 00:30

August 15, 2007

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 Ganz Incline Village ist in Aufregung und überall wird nur noch von dem ‘big event’ gesprochen. Nach wochenlangen unbestätigten Gerüchten ist es nun offiziell: am 17. August (ouf, schon übermorgen) wird Ex-Präsident Clinton und Al Gore zum 10ten Jahrestag des ‚Lake Tahoe Forums’ auf Besuch kommen – Grund genug ein Wochenende im sonst so verschlafenen Incline Village zu verbringen.

 

Incline Village hat gerade mal 10’000 permanente Einwohner, meist privilegierte Weisse, und liegt etwa 5 km östlich der Stateline Kalifornien/Nevada. Das mittlere Jahreseinkommen liegt bei ~$80k und somit ist Incline Village die Gemeinde mit dem höchsten pro Kopf Einkommen Nevadas. Nicht erstaunlich, dass dann der mittlere Preis für ein Einfamilienhaus bei $1.1 Millionen liegt. Beim lokalen Immobilienhändler kostet zurzeit die teuerste Villa $16 Millionen mit gerade mal 5 Schlafzimmern und 6 Badezimmern (fragt mich nicht warum es mehr Badezimmer braucht als Schlafzimmer). Im Jahr werden über $1 Billion im ‚real estate business’ umgesetzt, Tendenz steigend. Ja, die oft zitierte Immobilienkrise wird Incline Village noch lange nicht erreichen, die beschränkt sich wohl auf den mittleren Westen der USA.

 

Am Wochenende herrscht am Tahoe Hochbetrieb. Zu Scharen kommen Superreiche und Möchtegernreiche mit ihren Monstertrucks, wenn möglich natürlich ein Hummer, von der Bay-Area zum Tahoe rauf. Im Slepptau haben die meisten ein überdimensionales Speedboot. Am diesem Samstagmorgen staut sich die Autokolonne von der Einwässerungsstelle der ganzen Küstenstrassen entlang vorbei an meinem kleinen Studio. Ein Höllenlärm, da die Amerikaner traditionellerweise den Motor ihrer PS-Protzen bei Warten nie abstellen.

 

Der sonst so idyllischen Strand verwandelt sich am diesem Samstag zur regelrechten PS-Show: SUV, Monstertrucks, Motorboote und Jetskis protzen um die Wette. Sonderpolizei regelt die Autokolonne, was gar nicht so trivial ist, da die wenigsten Bootsbesitzer das Rückwärtsfahren mit Anhänger im Griff haben. Auf dem Wasser lassen die Bootsbesitzer zuerst mal ihre Motoren warm laufen – daneben fahren jugendliche mit Jetskis sinnlos in der Gegend rum. Um dem Gestank und Lärm der PS-besessenen Hobbynautikern zu entkommen, fahr ich raus zum Sand Harbor (ca. 5km)– dort treffe ich auf Anne und Sarah (zwei Arbeitskolleginnen). Wir mieten uns Kajaks und paddeln Richtung Süden der Ostküste das Tahoes entlang. Dieser Küstenabschnitt, immerhin ganze 27 Meilen, ist mehrheitlich unbewohnt, dank des exzentrischen und berüchtigten George Whittell, ein Playboy aus San Francisco. Bis zu seinem Tod im Jahr 1969 veranstaltete George mit seinem Kumpel, dem Luftfahrtpionier Howard Hughes, legendäre nicht ganz jungendfreie Parties und Poker Tourniere und beherbergte verschiedenste exotische Raubkatzen (Löwen, Tiger, Pumas) auf diesem Grundstück. Seither ist der Landstreifen jedoch ein Nationalpark und der Landsitz kann von jedermann besichtigt werden. In einer kleinen Bucht machen wir Rast und vergnügen uns im Tahoe. Kristallklares Wasser, runde Gesteinbrocken und der angrenzende Tannenwald lassen einem den ganzen Stress der heutigen Zivilisation vergessen. Wie so oft hier in den USA gelangt man mit ein paar Ruderschlägen vom stressvollen Alltag in die völlige Wildnis.

 

Abends übernachte ich im Freien bei Sand harbor – George und seine Kumpels haben wieder mal zu einer Star party eingeladen (siehe vorherigen Eintrag). Diesmal ist ein Sternschnuppenregen um etwa 3h morgens angesagt. Die Sache hat sich herumgesprochen und viele Anwohner (ich schätze mal 60 Personen) sind mit Schlafsäcken gekommen um sich das Spektakel anzusehen. Neben all den Galaxien, Supernovas und Nebulas blinken auch viele Linienflugzeuge durch die Nacht. George zeigt uns sogar ein Satellit und ein Spaceshuttle, die den dunklen Himmel durchkreuzen. Er ist richtig besessen, führt Buch über Anzahl Sternschnuppen, richtet sein Teleskop mal in diese Richtung mal in jene – schlaffen werde er sicher nicht. Nach einer Weile mach ich es mir mit einer Flasche Sierra Nevada in meinem Schlafsack bequem und schau entspannt in den kühlen Sternenhimmel.

 

Am nächsten morgen werde ich durch ein sanftes Rupfen an meinem Schlafsack geweckt. Ein kleiner Chipmunk (Streifenhörnchen) ist doch ehrlich so frech und will in meinem Schlafsack nach Nahrung suchen. Regungslos beobachte ich den kleinen durch halb geschlossene Augen, wie er sich munter am Reisverschluss zu schaffen macht, über mich drüber spring und nach anderen Öffnungen sucht – als ich mich ein bisschen bewege verschwindet er augenblicklich ins Dickicht. Frech!

 

An Nachmittag fahr ich mit meinem ‚Mountainbike’ der östlichen Bergkette des Tahoes entlang. Der Weg führt von Incline Village (1900 m.ü.M.) zuerst einmal einen sandigen Maultierweg ca. 500m bergauf – eine echt anstrengendes Unterfangen, zumal ich immer wieder das Fahrrad schieben muss, da der Boden zu sandig ist. Oben angekommen, fahr ich dem Flume trail entlang zum Marlette Lake. Der Weg schlängelt sich der steilen Gebirgskette entlang und ist an gewissen Stellen gerade mal einen halben Meter breit – manchmal auch ganz von Bergrutsch verschüttet. Die Schilder am Anfang des Wegs – Benutzung auf eigene Gefahr – sind da nicht sehr beruhigend. Etwas rechts und ca. 400m unter mir liegt der Tahoe und zeigt sich in einem tiefen Blau (siehe Bild). Ein Anblick den man nicht so schnell vergisst. Als ich beim Marlette Lake (~2400 m.ü.M) ankomme merke ich, dass ich viel zu wenig Wasser dabei habe – den letzten Schluck aus meiner Flasche behalte ich während des ganzen Rückweges im Mund. Ja, hier muss man auch kurze Ausflüge in die Wildnis genau planen, da Trinkwasserbrunnen nicht an jeder Ecke zu finden sind.

 

Abends geh ich noch ins Kino: ‚Stardust’ mit Michelle Pfeiffer :-) Viel interessanter als der Film selbst ist jedoch das Kino – eine Art umgebaute Kirche – mit klapprigen Holzbänken… an den Wänden hat’s sogar noch Kerzenhalter. Irgendwie kommt man sich da wie im letzten Jahrhundert vor. Auch ein Wochenende ganz in der Nähe und fast CO2-neutral kann eindrücklich und erholsam sein.

Visit to Santa Cruz, CA – Incline Village, 101 Pinion Drive, 07 August 2007, 00:30

August 7, 2007

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Es gibt gewisse Dinge im Leben die muss man einmal erlebt haben… Dazu gehört sicher einmal auf dem ‚Highway number one’ der Pazifikküste entlangzufahren. Am besten macht man das abends, fährt dem Sonnenuntergang entgegen, Surfboard auf dem Dach und legt dazu eine Beach Boys CD in das Autoradio ein (jaja, ich weiss, die Musik ist schon über 45 Jahre alt, aber was soll’s).

Am Samstagmorgen mach ich mich also mit dem Neon auf den Weg Richtung Pazifik. Mein Ziel heisst genauer gesagt Santa Cruz, eine kleine Stadt mit ~55′000 Einwohner, ca 120 km südlich von San Francisco. Unser Institut hat dort eine kleine Wohnung, in der man gratis übernachten kann, wenn man Planktonproben an der UC Santa Cruz untersuchen muss. Ich habe zwar keine Planktonproben dabei, dennoch hat Monika mir eine Übernachtungsmöglichkeit in der Gemeinschaftswohnung organisiert.

Ich fahr also Richtung San Francisco, biege bei Berkley nach Süden ab, durchquere riesige Erdölraffinerien (das stinkt ja zum Himmel, wie kann man dort nur arbeiten), um dann bei San Jose auf dem Highway 17 direkt auf Santa Cruz zuzusteuern. Santa Cruz ist das Surf-Mekka Kaliforniens, seit über 125 Jahren wird hier gesurft… Kein Wunder, dass hier traditionellerweise auch der Weihnachtsmann auf dem Surfboard angereist kommt. Für Jahrzehnte wurde die Stadt von einer unparteiischen Bürgermeisterin geführt (also weder Demokratin noch Republikanerin). Die Stadt adoptierte auch als erste Gemeinde der USA eine ‚nucler free zone’ (offizielle Zone in der Atom- Waffen und Kraftwerke verboten sind). Entsprechend sind auch die Einwohner der Stadt. Santa Cruz ist ein Auffangbecken für Hippies, Lebenskünstler, Exzentriker und natürlich auch Surfer. Hier gilt die Devise desto exzentrischer, desto besser – und diese Devise wird von allen, auch von den Superreichen ausgelebt. Reihenweise Coffeeshops zäumen die Strassen, in denen man gegen Vorweisen eines Rezeptes ‚medizinisches’ Marihuana kaufen kann. Hippie sein ist hier ‚cool’, konform sein ist verpönt und langweilig…

Obwohl die Stadt am Wochenende von tausenden Schaulustigen überflutet wird, merkt man ziemlich schnell die Besonderheit der Stadt. Langhaarige Hippies, Jugendliche mit Irokesenschnitt und ‚Sex Pistols’ Leibchen, Reggae-Musiker mit Rastarlocken und sonstige Exzentriker sind hier mit blumengeschmückten Fahrrädern und Flower-Power Bussen unterwegs. Oft sind die Gefährte Eigenproduktionen, wo zum Beispiel zwei VW-Busse zu einem Doppeldecker umgebaut wurden. Auch politisch nehmen die Bewohner kein Blatt vor den Mund. ‚Impeach Bush’ Kleber sind hier eher die Regel als die Ausnahme (siehe Bild).

Ich lass den Neon stehen und spazier zum Strand vor. Zu meiner Enttäuschung zeigt sich der Pazifik von seiner ruhigen Seite – die kleinen Wellen lassen gerade mal ein Hintergrundrauschen aufkommen. Zum Surfen sind die Wellen jedoch viel zu klein. Dennoch ist der Strand hoffnungslos überfüllt. Überall wird gegrillt, Volleyball gespielt und gesonnt. Gleich neben dem Strand steht der riesige Vergnügungspark, mit Achterbahn und Karussellen. Musikanten und Strassenclowns heitern die Stimmung auf und mitten auf dem Gehsteig wird Salsa getanzt. Ich spazier den Strand entlang bis zur nächsten Bucht, die deutlich einsamer ist. Gewaltige Felskliffen und weisser feiner Sandstrand erstrahlen in der Mittagssonne. Gerade mal eine mexikanische Familie geniesst in der Bucht die Sonne. So ist es nun mal in den USA, die Leute scharen sich um die Attraktionen und übersehen dabei wie schön ihr Land auch natürlicherweise sein kann.

Abends treffe ich mich mit Monika. Wir schlendern durch die Stadt und essen in einem mexikanischen Restaurant Enchiladas gefüllt mit Poulet, Guacamole, sonstigen Zutaten. Ja, die kalifornische Küche beschränkt sich nicht nur auf Fastfood, sonder ist äusserst divers, von der mexikanischen Küche, über eine riesige Auswahl an Barbecue Spezialitäten bis hin zu heimeligen Fonduearten, gibt es hier alles was das Herz begehrt.

Am nächsten Morgen setzte ich mich in eines der zahlreichen Strassenkaffees und schau mir bei einer Tasse Milchkaffee und ‚french toast’ die vorbeigehenden Leute an. Ein Hippie verlangt lautstark, dass im gegenüberliegenden Kino keine Hollywood filme mehr gezeigt werden dürfen, da sonst die Menschheit verblöde. Ein anderer tanzt mit übergestülpten Kopfhörern über den Gehsteig und schneidet jedem der es sehen will eine Grimasse. Ein dritter fragt nach Kleingeld für ein Bier. ‚Why lie, I need money for a beer’ gibt er jedem zur Auskunft der es wissen will. Tja, ich könnte hier stundenlang sitzen bleiben und einfach dem Treiben zuschauen – für Unterhaltung ist gesorgt.

Gegen Mittag komme ich durch Zufall an einem Fussballfeld vorbei und treffe dort ein paar Mexikaner, die mit einem alten Lederball unmotiviert Flanken schlagen. Tja, klar dass ich da mitspielen werde. Anfangs sind wir gerade mal zu fünft. Unsere Gruppe wächst aber immer schneller an, eine bunte Mischung aus Latinos, Europäern, Schwarzafrikanern, Asiaten und Amerikanerinnen. Ja, sogar drei US-girls haben mitgespielt, und die verstehen ihr Handwerk, haben doch die US-Frauen schon zweimal die Weltmeisterschaft gewonnen (1991 und 1999). Am späteren Nachmittag sind wir dann schon 22, und spielen über das ganze Feld. Fussball ist nur schon deswegen völkerverbindend, weil es eben überall gespielt wird, keine grosse Ausrüstung braucht und daher jeder mitspielen kann.

Bevor ich die weite Heimreise antrete spring ich am Abend in den kühlen Pazifik – 59° F Wassertemperatur (=15°C). Ja, warm ist es an der Küste nicht. Nicht zu unrecht hat mal Mark Twain behauptet, dass er den kältesten Winter im Sommer in San Francisco erlebt hat.

Erschöpft und zufrieden fahr ich mit meinem Neon auf den Highway 1 dem Sonnenuntergang entgegen J. Die Heimreise über den Highway 1 und über San Francisco ist zwar etwas länger, aber einfach umwerfend. Wohl eine der schönsten Küstenstrassen überhaupt. Die Brandung klatscht immer wieder an kantigen Kliffen, die sich in der untergehenden Sonne goldbraun färben und der türkisfarbene Pazifik im Hintergrund macht das Farbenspiel perfekt.

Als ich bei Anbruch der Dunkelheit den letzten Hügel vor San Francisco erreiche, erstreckt sich vor mir ein riesiges Lichtermeer. Die Skyline von San Francisco und die Bay Bridge scheinen den ganzen Sternenhimmel zu erleuchten. Die Strassen sind alle rechtwinklig angelegt, was zu einem faszinierenden karierten Muster führt. Im Zentrum erstrahlt die ‚Transamerica Pyramide’ und die anderen Wolkenkratzer. Viel Zeit bleibt mir aber nicht. Vor mir liegen aber noch 3 Stunden Autobahn. Na dann, Good night!